Ich bin,
popkulturell gesehen, immer ein bisschen zu spät dran. Ich höre jetzt erst
Paolo Nutuni, meine Röhrenjeans ist noch heil, und den letzten
Harry Potter-Roman habe ich jetzt erst beendet. Und obwohl er mir gefallen hat, blieben so viele Kritikpunkte unhörbar zwischen Hirn und Zunge stecken, dass ich sie nun hier schildern muss. Für die Loser die
noch später dran sind als ich und den Roman nicht aus Protest, sondern aus Unachtsamkeit verschmäht haben, heißt es jetzt also weggucken und sich
ne' Röhrenjeans kaufen, denn ich kann den Inhalt nur schwer unerwähnt lassen.
Der Letzte wirkt genau wie die vorherigen Teile einen großen Sog auf mich aus. Die Welt, der Humor, die Zufälle- alles dies wirkt so leicht verfilmbar, klischeehaft und sich selbst so ernstnehmend, dass es schon wieder glaubhaft ist. Der Versuch, die mangelnde Existenz von Zauberern in unserer
Muggelwelt logisch zu erklären, die liebenswerten, sich recht übersichtlich weiterentwickelnden Charaktere, die ungemein klare Trennung von gut und böse- all das zieht den Leser in seinen Bann, ohne ihn dabei geistig zu überfordern. Und wie einfallslos die Welt in die wir eintauchen manchmal auch sein mag, bleibt sie doch wegen ihrer zahlreichen Details und
Progressivität glaubhaft. Und genau dies macht die Spannung und den Reiz der
Potterbücher aus.
Und leider
schwächelt die Reihe genau in dieser Hinsicht bereits seit dem
Orden des Phönix. Dort wird dem Leser und ihm selbst immer wieder aufgezählt, was
Harry in den letzten Jahren in
Hogwarts alles geleistet hat. Und wer ihn bis dahin ignoriert hat, dem wird jetzt der schamlos strukturierte Ablauf eines jeden Bandes auf beide Augen gedrückt.
Dursleys-
Harry wird gequält, Schule-
Harry,
Ron und Hermine brechen alle Regeln,
Voldemort taucht auf-
Harry entkommt. Das eine Inkarnation von du-weißt-schon-wem tatsächlich an jedem Ende der sieben Bücher (abgesehen vom dritten) auftaucht, und der dürre Brillenträger ihm jedes mal durch einen glücklichen Zufall entkommt, wird jeden Hollywood-Regisseur vor Glück und Eifer die Hände reiben lassen. Doch Die Fassade der Geschichte fängt an zu bröckeln und beginnt an Charme zu verlieren. Gleichwohl hat es meiner Meinung nach sehr zum Erfolg des Buches beigetragen, da man sich wohl kaum einen schöneren Showdown wünschen kann als ein Treffen mit dem dunklen Lord, wie sehr die Geschichte auch einem Videospiel gleichen mag.
Das
Erflogsrezept der Bücher ist ohnehin genial. Der Held wird jeden Band um ein Jahr älter, die Leserschaft altert mit, die Handlung wird immer gewaltsamer und Komplexer, ohne dass es es den nun pubertären Fans stört- unfassbar, und wieder irgendwie schamlos, es sich so leicht zu machen. Trotzdem
gewieft.
Die Frage ist natürlich, wie man einen 7-Bände-Roman zu einem befriedigenden Ende führen kann. J.K.
Rowling kann sie mir nicht beantworten, den beim Epilog hörte sämtlicher Spaß auf. Der Roman lässt außerdem viel zu viele lose Ende zurück. Ein paar Enden mehr hätte nicht geschadet, der
Tolkien hat's doch auch so gemacht.
Der Leser wird über das Verbleiben der heiß geliebten Nebencharaktäre vollkommen im Unklaren gelassen. Gegen Ende klärt sich zwar das meiste in einem unerhört unbefriedigenden Schnelldurchlauf, doch selbst hier werden die meisten Fragen meist unzureichend oder gar nicht beantwortet. Und nicht nur die vielen, vielen unbeantworteten Schicksale liegen schwer im Magen. Auch die Lösungen der vielen Rätsel, die sowohl den Charakteren als auch den Lesern aufgegeben werden, kommen viel zu kurz. In einem Gespräch mit dem toten (!)
Albus Dumbledore erfährt
Harry zwar das meiste, doch ausreichende Erkenntnisse fehlen nach wie vor. Von d
ieser Szene hätte ich wirklich mehr erhofft. Tausend Rätsel ziehen den Leser in seinen Band, und auf 5 Seiten soll alles
entwirbelt werden... wer hier einen großartig durchdachten Zusammenhang sieht, wird enttäuscht. Wieder sind es Zufälle, Vermutungen, weitere Rätsel.
Achja, weiß irgendjemand wo
Neville Godric Gryffindors Schwert her hat? Bitte melden, ist mir leider entfallen.
Ein weiterer Punkt ist: Für einen letzten Teil kommen einfach viel zu viele neue Informationen ans Tageslicht, die bei einem der Vorgängerbände einfach hätten bruchstückhaft auftauchen müssen, um glaubhaft zu sein; die Hintergründe von
Dumbledores Familie,
Grindelwald wurde wenigstens namentlich bereits im ersten Band erwähnt... die Rätsel sind gleichzeitig zu kompliziert und doch zu einfach gelöst, wie die der Suche nach den von
Ron und Hermine zerstörten
Horkruxen. Letzteren hatte
Harry schonmal gesehen, den ersten entdeckt er am Grund eines Sees. Er rätselt. ,,Das ist das Schwert
Gryffindors.... was zeichnet einen echten
Gryffindors noch einmal aus? Ach ja, Mut... ich muss in den See reinspringen!" Gut kombiniert, Miss
Marple. Ein
Slytherin wäre wahrscheinlich so listig gewesen und hätte jemand anders in den See springen lassen. Der
Ravenclaw hätte ihn, schlau wie er ist, geangelt. Und der
Hufflepuff wäre nach Hause gegangen.
Hier mache ich nochmal klar, was ich von den Schulhäusern halte. Dazu fand ich ein Zitat aus der MAD, welches gnadenlos gut passt: ,,Wir versuchen unsere Schüler ohne Vorurteile und chancengerecht einzuteilen. Die Streber kommen nach Ravenclaw, die Deppen nach Hufflepuff, die Bösen nach Slytherin und die strahlenden Helden nach Gryffindor". So ist es, und nicht anders, so wird es sogar im Buch erwähnt: Die nix können, kommen nach Hufflepuff. Und in Slytherin gibt es, abgesehen von Snape, keinen einzigen positiv angehauchten Charakter. Brrr.